Interview mit Herrn Bernhard Schuler, Amtsinhaber und OB-Kandidat für Leonberg, geführt von Agnes Hoffmeister am 31.08.09

Persönliche Daten und Werdegang finden Sie auf Herrn Schulers Homepage www.bernhard-schuler.de 


Herr Schuler, wie geht es Ihnen heute? Wie war Ihr Tag?
    

Mir geht es heute sehr gut. Mein Tag sah heute so aus, dass ich einige Besprechungen hatte. Anschließend habe ich ein paar Diktate gemacht, um jetzt zu Ihnen zum Interview zu kommen. Ich war durchgehend beschäftigt. Es wurde mir wie immer nicht langweilig und ich kam nicht zum Mittagessen.
   
Sie sind schon seit 16 Jahren im Amt. Wie kam es dazu, dass Sie in die Politik gegangen sind?
   

Ich verstehe das Amt des Oberbürgermeisters nicht als ein typisches Politikamt. Ein OB ist jemand, der eine große Organisation leitet, einem Gremium vorsitzt und die Stadt nach außen vertritt. Er setzt Impulse, moderiert und trägt Verantwortung.
   
Ich wollte immer etwas machen, was ich als sinnerfüllte Tätigkeit ansehe und wo man Ergebnisse sieht. Ich habe mich deshalb über verschiedene Tätigkeiten systematisch auf eine solche Aufgabe vorbereitet. Dann habe ich kandidiert und bin gewählt worden. Damals habe ich gesagt: Ich sehe das als Lebensaufgabe an. Daran hat sich nichts geändert.

Aber Sie kommen nicht aus Leonberg?
   

Das stimmt, ich komme von außen. Traditionell hat man in Württemberg Menschen von außen gewählt. Und Bewerber von außen sind niemand besonders verbunden, laufen nicht Gefahr, in einer Sache befangen zu sein. Das halte ich für eine gute Tradition. Ich versuche auch heute noch, mit den Menschen in Leonberg per Sie zu bleiben und eine gesunde Mischung aus Nähe und Distanz zu leben. 
   
Wieso möchten Sie wieder gewählt werden?
    

Es gibt Projekte, die ich gemeinsam mit städtischen Gremien und Mitarbeitern nach vorne gebracht habe. Andere sind noch nicht da, wo ich sie gerne haben will. Wir haben die Kinderbetreuung seit ich im Amt bin massiv ausgebaut; wir haben mit der Betreuung der Unter-Dreijährigen begonnen, bevor es gesetzlich vorgeschrieben war. Das war 1999. Wir haben bei der Integrationsarbeit einiges gemacht. Daran will ich weiterarbeiten. Und zurzeit haben wir mit dem Stadtumbau ein Projekt, das gedanklich von mir 1998 oder 99 formuliert wurde im Zusammenhang mit der neuen Stadtmitte. Dort wollte ich mehr Aufenthaltsqualität reinbringen.
   
Dabei ist mir immer der Unterschied wichtig zwischen einer konkreten Vorstellung von der Zukunft und wie man sie erreicht auf der einen Seite und unrealistischen Visionen auf der anderen Seite. Bei letzteren soll man nach Helmut Schmidt besser zum Arzt geht.
   
Die Verknüpfung der neuen Stadtmitte mit der historischen Altstadt ist eine richtig spannende, fordernde Aufgabe. Damals wusste man nicht, wie sie sich stellen wird, weil man 98/99 nicht davon ausging, dass wir die Leonberger Bausparkasse verlieren. Nachdem deren Ende von uns nicht abgewandt werden konnte und sich kein Unternehmen in Europa fand, das dieses Areal so nutzen wollte, haben wir versucht, aufbauend auf dieser Idee aus dieser Entwicklung eine städtebauliche Verbesserung für die Gesamtbevölkerung herauszuholen. Um auf diesem Weg erfolgreich zu sein, ist es wichtig, die Bevölkerung auch in den Teilorten auf den Weg mitzunehmen. Zugleich ist es wichtig, bei diesem Prozess immer das Gesamte zu betrachten. Und für mich ist eine Stadt wie ein Organismus. Sie können nicht sagen, ob die Leber, die Niere, das Herz wichtiger ist. Aber die Summe dieser Organe ist mehr als das einzelne Organ. In diesem Sinne ist die Fortentwicklung des städtischen Organismusses eine spannende Aufgabe, eine große Chance. Und da lohnt es sich doch weiter zu machen. 
  
Können Sie Ihr Wahlprogramm in drei Stichworten zusammenfassen?
   

Drei Stichworte sind für die Beschreibung einer Stadt etwas wenig. Ich kann Kernziele benennen: Zunächst einmal kurzfristig, das Wüstenrotareal so fort zu entwickeln, dass es ein hervorragender Teil des Gesamtorganismus wird und zweitens das Thema Kinderbetreuung und Bildung weiter nach vorne bringen. Wir haben da in der Vergangenheit sehr viel investiert. Das soll auch weiterhin so bleiben. Drittens gilt es, die Stadtidentität zu erhalten, und zwar mit all ihren Facetten und Teilorten. Da gilt es, die Kernstadt und die Teilorte den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen und sie darauf vorzubereiten. 

Wir sind immer wieder darauf zu sprechen gekommen: Wie wird das Wüstenrotareal in Zukunft aussehen?

Wir haben mit dem städtebaulichen Entwurf eine gute Basis für die Fortentwicklung des Areals. Momentan laufen zwei Untersuchungen, die sich mit zwei Themen beschäftigen, die unbedingt im Vorfeld geklärt müssen, damit das Wüstenrotareal ein belebender Teil des städtischen Organismus wird. Erstens: Wie viel Einzelhandel verträgt dieses Areal, und zwar unter zwei Aspekten: Einerseits, dass dieses Areal in sich schlüssig ist, und andererseits, dass dieses Gebiet nicht zu Folgen und Nebenwirkungen führt, unter denen der städtische Gesamtorganismus leidet. Hinzu kommt die Klärung nach Fragen der Verkehrserschließung. Hier gibt es im Gemeinderat Übereinstimmung. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden wir im Oktober haben.
  
Ich bin aufgrund der bisher breiten Übereinstimmung im Gemeinderat zuversichtlich, dass wir gemeinsam ein gutes Ergebnis für die Stadt erzielen. Auch müssen wir für den nächsten Schritt uns mit dem folgenden Fakt auseinandersetzen: Wir haben das Postareal erworben. Wir können auf das Postgebäude momentan nicht zugreifen, aber auf Teile des Postareals. Diese Chance sollten wir nutzen. Denn es ist ganz wichtig, dass die Bevölkerung erlebt, es geht nicht nur ums Wüstenrotareal, sondern dahinter steht ein größeres Konzept für ein schöneres Leonberg. Ich denke, dass man zumindest von dem hinteren Postparkplatz einen Teil mit einbezieht und diesen Teil schon in der Übergangszeit für eine bessere Verbindung nutzt. 

Sie haben gerade von den Gutachten gesprochen. Wenn bei einem Gutachten herauskommt, dass die derzeitigen Planungen dem Gesamtorganismus schaden, um bei Ihrem Bild zu bleiben, was dann? 
   
Dann muss man nachdenken und mit dem Gemeinderat und dem Investor eine stadtverträgliche Lösung suchen. Es wäre nicht verantwortbar, etwas zu machen, was die Stadt schädigt. 

Ist Herr Häussler bei Ihren Planungen auf jeden Fall dabei oder ist es für Sie denkbar, dass er aussteigt, wenn ihm etwas nicht passt?
  

Die Möglichkeit gibt es immer, aber die Zielsetzung lautet: Wir wollen gemeinsam mit Häussler eine gute Entwicklung auf dem Areal hinbekommen. Er hat das Areal gekauft, er ist der Eigner. Insofern kann man nicht so tun, als sei er nicht der Eigner. Das wollen wir auch nicht. 
Auch finde ich, dass der vorliegende Entwurf besser ist, als nicht nur ich erwartet habe. Es sind noch ein paar Fragen zu klären. Sollte es so nicht gehen, dann muss man etwas anderes machen. Denn es gibt immer nur ein Vorwärts.

Was schätzen Sie an Leonberg?
   

Da könnte ich Ihnen die ganze Nacht erzählen! Ich versuche mich kurz zu fassen: Leonberg hat die Vorzüge einer kleineren Stadt verbunden mit denen eines Ballungsraums. Wir sind landschaftlich unheimlich reizvoll gelegen. Auch gibt es Freizeitmöglichkeiten Richtung Schwarzwald oder Bodensee. Man kann von Leonberg zu Fuß oder mit dem Rad viel unternehmen.

Wir haben drei S-Bahn-Haltepunkte, was für die vielen Pendler, die hier wohnen, ein großer Vorzug ist. Wir sind die einzige Weinbaugemeinde im Kreis Böblingen. Wenn ich an das Feinaufest denke, so fühle ich mich dort ausgesprochen wohl. Wie mir geht es vielen. Wir haben Teilorte, von denen jeder seine unterschiedlichen Eigenarten und Mentalitäten hat. Das macht es manchmal anstrengend, aber es ist auch gleichzeitig sehr, sehr reizvoll. Höfingen, Gebersheim und Warmbronn sind ziemlich unterschiedlich. Auch kenne ich keine andere Stadt, die so zusammengewachsen ist, wie Eltingen und Leonberg. Wir haben ein kulturelles Leben, das wir mit wenig Geld betreiben, das beispielhaft ist. Meine Kulturamtsleiterin, die Frau Ossowski, die mehr davon versteht als ich, sagt, außer in Stuttgart haben Sie hier in der Gegend keine Stadt, die so viele qualitative Künstler hat auch im bildhauerischen Bereich. Wir haben wunderbare Feste, Vereine in allen Teilorten und einige Besonderheiten, zum Beispiel die Leonberger Kunstnacht. Wir haben den Einzelhandel in der Innenstadt und nicht auf der grünen Wiese. Leonberg hat unglaublich viele Möglichkeiten und Chancen. Ein Defizit, das ich sehe, ist das Fehlen eines Kinos. Zum Glück haben wir im Moment zwei Optionen. Ich hoffe, dass wir eine davon verwirklichen können. 

Das andere große Thema in Leonberg ist der Verkehr: Die Autobahn und der Durchgangsverkehr. Gibt es da in Ihren Augen Möglichkeiten zur Veränderung?
   

Man muss sich bei diesem Thema bemühen, die Fakten zu sehen und die Möglichkeiten menschlichen Handelns. Insgesamt hat der Verkehr im Stadtgebiet abgenommen seit ich im Amt bin. Und zwar aus zwei Gründen: Grund eins war der Bau des Engelbergtunnels, seither hat sich die Zahl der Staus vermindert. Auch brachte er manche auf die Autobahn, die davor durch die Stadt fuhren. Der zweite Grund war die Einweihung der Anschlussstellen Leonberg West und Rutesheim.

Als ich in Leonberg anfing, staute sich der Verkehr jeden Tag gegen 17:00 von der Sparkasse bis hinter´s Leo-Center. Das ist heute besser. Das liegt daran, dass sich der Verkehr durch diese Baumaßnahmen in der Stadt anders verteilt und der Durchgangsverkehr insgesamt abgenommen hat. Es wird von manchen nicht wahrgenommen, weil es ein schleichender Prozess ist.
Es gibt auch so etwas wie eine Stadtpsyche. Wir haben den Engelbergtunnel gekriegt, eine Investition von über 400 Millionen Euro auf unserer Markung. Das war früher eine Schneise durch die Stadt mit zig Tausend Autos, die jetzt unter der Erde fahren. Wir haben eine Verlängerung dieses Tunnels hinbekommen und den Westanschluss. Aber da gibt es nicht so eine Stimmung die sagt: So viel hat ja niemand sonst erreicht. Wir haben eine Umfahrung, die z.T. im Tunnel läuft. Die Südrandstraße ist eigentlich auch eine Umgehungsstraße. Früher ging der Verkehr durch Eltingen. Das sind einfach Fakten
Wer über Straßenverkehr redet, sollte auch bedenken, dass wir in Leonberg ca. 13 000 Auspendler und ca. 11000 Einpendler haben. Wenn man das in Fahrbewegungen ausdrückt, muss man dies mal zwei nehmen. Das sind dann 48000 Fahrbewegungen. Natürlich sind die nicht alle mit dem Auto. Zum Glück wird die S-Bahn stark genutzt. Und mit diesen Pendlerverflechtungen leben wir, müssen uns ihnen stellen. Eine große Chance sind künftig die S 60 und der Altstadttunnel als tangentiale Entlastung, der als Option im Flächennutzungsplan festgeschrieben ist. Diesen Tunnel sehe ich die nächsten 10 Jahre allerdings nicht, und zwar aus zwei Gründen: Gegenwärtig ist die Verkehrssituation außer bei Stausituationen auf der Autobahn beherrschbar. Zum anderen kann keiner sicher voraussagen, wie sich die Wirtschafts- und Finanzkrise auswirken wird und welche Folgen der demographische Wandel auf das Mobilitätsverhalten hat.
Insofern muss man mit dem Verkehr auch leben. Hohle Versprechungen, das ist nicht mein Stil, das mache ich nicht.
Wichtig ist auch, dass wir unsere Stärken behalten. Es wird vielmehr im Umweltverbund eingekauft, als an anderen Stellen. Vergleichen Sie einmal, wie viele Kunden zu Fuß ins Leo-Center kommen und wie das bei Einkaufszentren auf der grünen Wiese in umliegenden Städten aussieht.

Wie kommen Sie mit der neuen Zusammensetzung im Gemeinderat zurecht?
   

Es ist mir immer gelungen, Mehrheiten zu finden. Ich habe ziemlich klare Vorstellungen davon, was man tun muss, um zukunftsfähig zu sein und äußere das sehr moderat.

Man konnte an anderen Stellen sehen, dass ein Basta- oder par ordre de mufti-Stil auf Dauer nicht geht. Die Erfahrung auch aus schwierigen Situationen stimmt mich zuversichtlich, dass ich auch in der Zukunft stabile Mehrheiten und gute Entscheidungen finden werde. Auch stimmen die Abstimmungen zum Stadtumbau sehr zuversichtlich. Da wurde an einem Strang gezogen. Und auch beim Thema Kinderbetreuung haben wir längst einen viel breiteren Konsens als noch vor 15 Jahren. Ähnliches gilt für das Thema Integration. Spannend wird immer das Thema Planen und Bauen sein. Also, wenn ich da nicht hoffnungsvoll wäre, würde ich da nicht weiter machen wollen.

Wie verträgt sich Ihr Wahlkampf, der jetzt sicher ansteht, mit Ihrem Tagesgeschäft?

Beim Tagesgeschäft werde ich ein paar Abstriche machen müssen. Beim klassischen Wahlkampf habe ich mich bisher auf das Plakatieren und das Schalten der Homepage beschränkt. Hinzu kommen ein paar vorbereitende Arbeiten. In den nächsten Wochen werde ich das Gespräch mit der Bevölkerung verstärken, auch auf die Märkte gehen. Ich bin für die Wahl sehr zuversichtlich, weil ich aus der Bevölkerung heraus so viele Aufforderungen wie noch nie bekam, ich solle bitte weitermachen. Es gibt ein schönes Gefühl und verleiht Befriedigung. Diese Bestätigung und die erzielten Erfolge motivieren, die nächsten Ziele anzugehen. Ich werde mich jedoch auf den Wahlkampf nicht beschränken können, weil ich Aufgaben habe, die ich wahrnehmen muss.

Vielen Dank für das Gespräch!

Agnes Hoffmeister, die die Interviews geführt hat, erreichen sie über info@salz-leo.de 


  

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